Das Kamasutra
Ich möchte euch hier ein wenig aus dem Kamasutra erzählen. Nicht wegen der Beschreibungen von Kopulationsstellungen, mit denen das Werk gewöhnlich assoziiert wird, denn in dieser Hinsicht schicken sich heute schon Zehnjährige auf dem Schulhof Ausgefalleneres per Handy gegenseitig zu. Sondern das Kamasutra ist faszinierend, wenn man sich für Sittengeschichte interessiert - für den seit Jahrtausenden genauso unaufhaltsamen wie oft nervtötenden ständigen Wechsel zwischen aufgeklärten, liberalen und verklemmten, dunklen Epochen.
Heute gehört Indien zu den verklemmtesten Nationen der Erde, und schon ein Kuss in der Öffentlichkeit kann zu einer Haftstrafe oder Schlimmerem führen, selbst in einer Großstadt wie Neu-Delhi. Aufgeklärtere Sitten mussten vor etwa 1800 Jahren dort geherrscht haben, als der Inder Mallanaga Vatsyayana das Kamasutra schrieb, denn das Werk ist keineswegs ein Unikum aus jeder Zeit, sondern es stellt eher ein Resümee einer breiten Diskussion verschiedener indischer Gelehrter zum Thema Sexualität dar.
Das Kamasutra verstand sich als Aufklärungsbuch für Menschen, die Dharma, Artha und Kama (ganz grob: religiöse und weltliche Pflichten sowie Erotik) in ausgewogenem Verhältnis leben wollen. Diese Einstellung entsprach in der damaligen Zeit durchaus den Vorstellungen des orthodoxen Brahmanismus (Vorläufer des Hinduismus) und war keineswegs sektiererisch. Die Lektüre des Kamasutras wurde allen Männern als Ergänzung des Studiums der (religiösen und weltlichen) Wissenschaften empfohlen, und Mädchen sollten es studieren, bevor sie das Elternhaus verließen, also bevor sie verheiratet wurden oder überhaupt mit Sex in Verbindung kamen. Ganz dringend wurde das Studium des Liebesleitfadens z.B. Prinzessinnen und den Töchtern hoher Beamter nahegelegt.
Obwohl das Kamasutra nicht kategorisch bestimmte Bevölkerungsschichten ansprach oder ausschloss, war Vatsyayana natürlich klar, dass einfachere Menschen weder Geld noch Energie noch Muse für solche ästhetischen und sinnlichen Verfeinerungen hatten und sie außerdem schon deswegen nur schwerlich in den Genuss des Kamasutras kamen, weil sie nicht lesen konnten und auch kein Sanskrit verstanden. Vatsyayana sah daher recht realistisch seine wesentliche Zielgruppe in der urbanen Boheme, den Bonvivants, dem Adel etc.
Zur Hygiene empfiehlt das Kamasutra:
Täglich ein Bad, jeden zweiten Tag eine Massage, jeden dritten Tag ein Schaumbad, jeden vierten Tag eine Rasur, jeden fünften oder zehnten Tag eine Rasur der Intimbereiche. Die Beseitigung von Schweiß aus Körperhöhlungen soll ständig vorgenommen werden.
Also war der Dreitagebart damals schon en vogue, und das Rasieren war zu jener Zeit bestimmt nicht so einfach wie heute. Diese Hygiene-Vorschriften sind erstaunlich modern, und man halte sich zum Vergleich vor Augen, dass in Mitteleuropa bis weit ins 18. Jahrhundert hinein selbst Ärzte die Ansicht vertraten, Wasser schade dem Körper...
Size matters!
Das Kamasutra entstand zu einer Zeit, in der man in Indien gern versuchte, dem chaotischen Universum etwas Ordnung beizubringen, indem man es in Zahlen-Schemata zwängte. Bekanntlich denkt die Schöpfung in ihrer unendlichen Vielfalt aber nicht im Geringsten daran, sich durch Menschen einschränken zu lassen, und auch der Schöpfer des Kamasutra wusste das. So erwähnt er zwar die damaligen Versuche, Naturerscheinungen z.B. in 9er oder 64er Raster zu klassifizieren, aber bisweilen vermerkt er eben auch kritisch, dass die Realität (der Erotik) auf diese Weise ja doch nicht sinnvoll abzubilden sei.
Ein Beispiel dafür ist die Klassifizierung von Menschen nach der Größe ihrer Geschlechtsteile: Rammler, Stiere und Hengste bzw. Gazellen, Stuten und Elefantenkühe. Es ergeben sich somit neun verschiedene Kombinationsmöglichkeiten von Männern und Frauen, die von Vatsyayana hinsichtlich der Konsequenzen für die gemeinsame sexuelle Erfüllung beschrieben werden.
Uns soll hier zunächst die Zusammenfassung ausreichen: Size matters - und zwar bei Männern wie bei Frauen. An anderer Stelle gibt das Kamasutra aber auch Ratschläge, wie durch geeignete Stellungen, Praktiken und Hilfsmittel körperlich nicht so gut harmonierende Paare zu einem erfüllten Sexualleben finden können.
Mach mir bloß kein' Knutschfleck, alles nur kein' Knutschfleck ...
Nicht nur aus musikalischen Gründen wird sich Vatsyayana bei diesem Song im Grabe umdrehen, sondern besonders wegen der damit erwiesenen erotischen Ignoranz, denn das Kamasutra misst - zumindest für temperamentvollere Liebhaber und Liebhaberinnen - dem Kratzen und Beißen im Liebesspiel allergrößte luststeigernde Bedeutung bei.
Bleibende Male, z.B. Knutschflecke oder Narben, sind laut Kamasutra kein peinliches Versehen, sondern durchaus Absicht: Male sollen die Erinnerung an besondere Liebeserfahrungen und Liebespartner wach halten, was wiederum hilft, eine Liebe oder Leidenschaft lebendig zu erhalten beziehungsweise wieder aufzufrischen. Ein Körper, der viele Liebesspuren aufweist, wird von Vatsyayana als erotisierend erachtet - er erwecke bei Fremden Hochachtung, Neugier und Leidenschaft. Liebesmale seien in der Öffentlichkeit stolz und selbstbewusst zu tragen, aber Diskretion soll darüber geübt werden, wer der Urheber der Male ist.
Vorsichtshalber weist das Kamasutra aber auch darauf hin, dass bei (mit anderen Männern) verheiraten Frauen bleibende Liebesmale allenfalls an verborgenen Stellen hinterlassen werden sollten.
Diskretion und Achtung
Generell tadelt das Kamasutra Oberflächlichkeit in Liebesdingen und legt Wert auf Diskretion. Für den Fall, dass der Liebhaber beispielsweise seine Geliebte aus Versehen mit einem falschen Vornamen anspricht, wird der Frau empfohlen, ihrem Macker eine Szene zu machen, etwa wie folgt:
Weinen, Aufregen, Raufen der Haare, vom Stuhl oder vom Bett auf den Boden rutschen, Umsichschlagen sowie Schmuck und andere Gegenstände durch die Wohnung werfen. Wenn er dann auf den Knien versucht, sie zu beschwichtigen, soll sie ihren Zorn noch steigern, ihn am Haar packen, seinen Kopf hochziehen, ihn ein paar Mal gegen Arme, Kopf, Brust oder Rücken treten, sich dann in der Nähe der Tür auf den Boden werfen und in einen Tränenstrom auflösen.
Zugegebenermaßen etwas anstrengend – aber zweifellos eindrucksvoll.
Überraschende Ehevorschriften
Wer Hinduismus mit Monogamie, Witwenverbrennung und untrennbarer Ehe assoziiert, wird im Kamasutra erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass diese Religion in anderen Epochen durchaus andere Ansichten dazu hatte, zum Beispiel:
Wessen Ehefrau sich als dumm oder schlechten Charakters erweist oder keine Kinder oder nur Mädchen zur Welt bringt, der kann sich mit weiteren Frauen verheiraten.
Witwen steht es frei, sich erneut einen Ehemann zu suchen. Dieser sollte wohlhabend und tugendhaft sein.
Eine Frau kann sich von ihrem Mann scheiden lassen, indem sie aus der gemeinsamen Wohnung mit den Worten auszieht: "Ohne Vorzüge ist dieser Mann!" Die Frau darf sich nach Glück strebend einen anderen Ehemann suchen, wobei "Vorzüge und Genüsse" das Glück ausmachen. Wer solcherart Glück nicht bieten kann, ist als Ehemann ungeeignet - womit wohl auch der Umgang mit impotenten Partnern gemeint sein könnte.
Sex-Geheimtipps
Jetzt erst einmal Schluss mit schöngeistigem Geplaudere, ihr lechzt ja doch nur nach knallharten Sex-Geheimtipps. Hier ist er - der ultimative Kamasutra-Verführungstrick für Männer:
Der Putaaputa-Trick
Wer unbemerkt in den Harem eines Maharajas eindringen will – und das scheint sich zu lohnen, denn die Mädels sind gewöhnlich sexuell ausgehungert - wende den Putaaputa-Trick an, um seinen Körper und Schatten unsichtbar werden zu lassen. Dazu werden das Herz eines Ichneumons, Früchte von Trigonella corniculata und Lagenaria vulgaris sowie Schlangenaugen ohne Rauchentwicklung miteinander verbrannt, und die entstandene Asche wird mit schwarzer Augensalbe vermengt. Die so erzeugte Paste reibe man sich auf die Augen.
Bei Nebenwirkungen sucht man allerdings vergeblich den Apotheker. Ich gebe zu, dass dieser Trick etwas exotisch ist und die Anwendbarkeit sich auf nur relativ wenige Gelegenheiten beschränkt. Stilistisch fällt die Passage übrigens aus dem Rahmen, und nur an zwei weiteren Stellen begibt sich das Kamasutra in ähnlich esoterische Gefilde.
Im Indermezzo:
Das Kamasutra von Mallanaga Vatsyayana (Diskussionen
zu diesem Essay)
Kamasutra und Tantra vs. Alltagsverklemmtheit in Indien (Diskussionen
und News)
(Copyright: Marc Stenzel, 2007)