Historische Texte über Indien
Eine Frauenfahrt um die Welt
Reise von Wien nach Brasilien, Chile, Tahiti, China, Ost-Indien und Kleinasien
von Ida Pfeiffer, geb. Reyer
Vorrede
Schon in mehreren Zeitungen wurde ich Touristin genannt. Dieser Name gebührt mir indessen seiner Bedeutung nach leider nicht. Einerseits besitze ich zu wenig Witz und Laune, um unterhaltend zu schreiben und andererseits zu wenig Kenntnisse, um über das Erlebte gediegene Urteile fällen zu können. Ich vermag nur schmucklos das zu erzählen, was mir begegnet ist, was ich gesehen habe, und will ich etwas beurteilen, so kann ich es bloß vom dem Standpunkt einfacher Anschauung aus.
Manche glauben vielleicht, Eitelkeit sei die Veranlassung zu dieser großen Reise gewesen. Ich kann darauf nichts erwidern als: Wer dies denkt möge selbst eine ähnliche Reise unternehmen, um zu sehen, dass solche Beschwerden, solche Entbehrungen und Gefahren, nur durch angeborene Reiselust, durch unbegrenzte Wissbegierde überwunden werden können.
Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt es mich die Welt zu sehen. Reisen war der Traum meiner Jugend, Erinnerung des Gesehenen ist nun das Labsal meines Alters.
Freundlich und gütig hat das geehrte Publikum meine ungeschmückten Reiseberichte "nach dem heiligen Lande, nach Island und Skandinavien" aufgenommen, und dies ermutigt mich, abermals mit dem Tagebuch dieser meiner letzten und größten Reise an die Öffentlichkeit zu treten.
Möge die Erzählung meiner Erlebnisse den geehrten Lesern und Leserinnen nur einen Teil jenes Vergnügens bieten, das die Reise selbst mir in großem Maße gewährte.
Wien, den 16. März 1850
Die Verfasserin
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