Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Auf dem Wege in die Stadt fielen mir vor allem am Ufer des Hugly die herrlichen Säulenhallen (Gauths) auf, von denen breite Treppen bis an den Fluss führen. An diesen Gauths liegen viele Boote, teils zum Überfahren, teils für Lustpartien.
Die herrlichsten Paläste lagen in großen Gärten, und bald lenkten auch meine Träger in einen niedlichen Garten und setzten mich unter einem schönen Portal ab. Hier wohnte die Familie Heilgers, an die ich Empfehlungsbriefe hatte. Die liebenswürdige junge Frau begrüßte mich als Sprachverwandte (sie war aus Nord-, ich aus Süddeutschland), und nahm mich auf das Herzlichste auf. Ich wurde hier mit indischem Luxus einquartiert, hatte einen Empfangssalon, ein Schlafgemach, ein Badezimmer und eine Garderobe.
Meine Ankunft in Kalkutta fiel in eine der ungünstigsten Epochen, die je über diese Stadt gekommen waren. Drei unfruchtbare Jahre in beinahe ganz Europa hatten eine Handelskrise zur Folge, die Kalkutta zu Grunde zu richten drohte. Jede Nachricht aus Europa brachte Nachrichten bedeutender Konkurse, die hier den Ruin der reichsten Häuser nach sich zogen. Kein Kaufmann wagte mehr zu sagen: 'Ich besitze etwas', die nächste Post konnte ihn zum Bettler machen. Ein banges Gefühl, ein zitterndes Erwarten hatte jede Familie ergriffen. Auf dreißig Millionen Pfund Sterling berechnete man bereits die Verluste in England und hier, und noch immer fand das Unglück keine Grenzen.
Solche Unglücksfälle treffen viel schwerer gerade die Menschen, welche, so wie hier, an übermäßige Bequemlichkeit, an den höchsten Luxus gewöhnt sind. Bei uns macht man sich keinen Begriff von dem Haushalt eines Europäers in Indien. Jede Familie bewohnt für sich allein einen Palast, wofür den Monat zweihundert Rupien und auch noch mehr gezahlt wird. Außerdem beschäftigt sie 25 bis 30 Dienstleute, und zwar: zwei Köche, einen Schüsselwascher, zwei Wasserträger, vier Tischbediente, vier Zimmeraufräumer, einen Lampenputzer, ein halb Dutzend Seis (Stallknechte). Man hält wenigstens sechs Pferde (jedes Pferd muss einen eigenen Wärter haben), ein paar Kutscher, zwei Gärtner, für jedes Kind eine Wärterin nebst einem Diener, eine Magd für die Frau, eine gemeine Magd, um die Wärterinnen zu bedienen, zwei Hausschneider, zwei Punkazieher und einen Torwächter. Der Lohn reicht von 4 bis 11 Rupien im Monat. Die Leute erhalten keine Kost, und nur wenige schlafen im Hause. Kost und Wohnung sind im Lohne mitgerechnet; die meisten sind verheiratet und gehen zum Essen und Schlafen täglich nach Hause. An Kleidung gibt man ihnen höchstens die Turbane und Leibgürtel, das übrige müssen sie sich selbst anschaffen und auch selbst die Wäsche waschen lassen. Die Wäsche der Herrenleute wird trotz der großen Dienerschaft nicht im Hause gewaschen; man zahlt dafür, und zwar für 100 Stücke drei Rupien. Der Wäschewechsel ist außerordentlich: Man tragt alles weiß, und man wechselt gewöhnlich zweimal am Tag die ganzen Anzüge.
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