Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Die Lebensmittel sind nicht teuer, wohl aber die Anschaffung von Pferden, Wagen, Möbeln und Kleidungsstücken. Die drei letzten Artikel kommen aus Europa, die Pferde entweder auch aus Europa oder aus Neuholland oder aus Java.
Ich habe europäische Häuser besucht, in welchen man 60, auch 70 Diener und 15 bis 20 Pferde hielt.
Nach meiner Meinung sind an diesem kostspieligen Aufwand mit Dienern die Europäer wohl selbst Schuld. Sie sahen die Rajas und Reichen des Landes von großen Schwärmen müßiger Leute umgeben und wollten als Europäer darin nicht zurück bleiben. Nach und nach wurde dies zur Sitte, und jetzt würde es sehr schwer sein, eine andere Einrichtung zu treffen.
Man sagte mir zwar auch, dass diese Einrichtung nicht anders sein könne, so lange die Hindus in Kasten geteilt seien. Der Hindu, welcher die Zimmer rein macht, würde um keinen Preis bei Tische bedienen, die Kinderwärterin ist sich viel zu vornehm, das Waschbecken des Kleinen mit eigenen Händen zu säubern. Es mag wohl allerdings viel Wahres daran sein, aber jede Familie kann ja doch nicht 20, 30 und noch mehr Diener halten?! Schon in China und Singapur fielen mir die vielen Diener auf, hier kann man aber die doppelte und dreifache Zahl annehmen.
Die Hindus sind, wie bekannt, in vier Kasten eingeteilt: Braminen, Katris, Bhises oder Banians und Soudras. Sie entspringen alle aus dem Körper des Gottes Brama, und zwar die erste Kaste aus seinem Munde, die zweite aus den Schultern, die dritte aus dem Leibe und den Schenkeln, die vierte aus den Füßen. Aus der ersten Kaste werden die höchsten Beamten, die Priester und die Lehrer des Volkes gewählt. Sie allein dürfen die heiligen Bücher lesen und genießen die höchste Achtung, ja, wenn sie ein Verbrechen begehen, werden sie viel geringer bestraft als jene aus andern Kasten. Die zweite Kaste liefert die niederen Beamten und die Krieger, die dritte die Handelsleute, Handwerker und Bauern, die vierte endlich die Diener für die drei ersten Klassen. Jedoch dienen die Hindus aus allen Kasten, wenn sie Armut dazu zwingt, nur unterscheiden sie sich im Dienst genau von einander, da den höheren Kasten nur die reinlicheren Dienstleistungen erlaubt sind.
Von einer Kaste in eine andere aufgenommen zu werden oder hinein zu heiraten, ist unmöglich. Wenn sich ein Hindu vom Vaterland entfernt oder von einem Paria Nahrung annimmt, so wird er aus seiner Kaste verstoßen und so lange als unwürdig betrachtet, bis er sich mit großen Kosten wieder einkauft.
Außer diesen Kasten gibt es noch eine Volksabteilung, die Parias. Diese sind die unglücklichsten Menschen, da sie von allen Kasten so tief verabscheut werden, dass kein Mensch mit ihnen die geringste Gemeinschaft macht. Wenn zufällig ein Hindu einen Paria streift, so hält er sich für verunreinigt und muss sich umgehend baden.
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