Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Das Münzgebäude präsentiert sich sehr schön. Es ist im reinen griechischen Stil erbaut, doch mit der Ausnahme, dass es nicht von allen vier Seiten von Säulen umgeben ist. Die innere Einrichtung an Maschinerien soll ganz vorzüglich sein und selbst Europa derart nichts ähnliches aufzuweisen haben. Ich kann darüber nicht urteilen und bemerke nur, dass alles, was ich sah, mir höchst sinnreich und vollkommen vorkam. Das Metall wird durch Hitze erweicht, durch Walzen in Platten verwandelt, die Platten werden in Streifen geschnitten und geprägt. Die Säle, in welchen dies alles vor sich geht, sind groß, hoch und luftig. Der Betrieb geschieht meistens mit Dampfmaschinen.
Unter den christlichen Kirchen zeichnet sich vor allen die englische Kathedrale aus. Ihre Bauart ist gotisch, und der schöne Hauptturm überragt ein halbes Dutzend kleinerer Türmchen. Außer dieser Kirche gibt es noch einige andere, ebenfalls mit gotischen Türmen versehene. Im Innern sind die Kirchen alle sehr einfach, mit Ausnahme der armenischen, in welcher die Wand des Altars mit goldberahmten Bildern überfüllt ist.
Das berüchtigte 'schwarze Loch', in welches der Raja Suraja Dowla im Jahre 1756, als er Kalkutta eroberte, 150 der vornehmsten Gefangenen werfen und da verhungern ließ, ist jetzt in ein Magazin verwandelt. Am Eingang steht ein 50 Fuß hoher Obelisk, auf welchem die Namen der Unglücklichen verzeichnet sind.
Der botanische Garten liegt fünf englische Meilen von der Stadt entfernt. Er wurde im Jahre 1743 unter Lord Kyds Anleitung angelegt, gleicht aber mehr einem natürlichen Park, da er nur wenig Blumen und Pflanzen, aber desto mehr Bäume und Strauchgewächse enthält, die in gefälliger Unordnung auf großen Wiesenplätzen verteilt stehen. Ein niedliches Monument mit der marmornen Büste des Gründers, verewigt dessen Andenken. Das sehenswerteste in diesem Garten sind zwei Bananen-Bäume. [Anmerkung des Tippers: Gemeint sind wohl Banyan-Bäume] Sie gehören zum Geschlechte der Feigenbäume, und erreichen mitunter eine Höhe von 40 Fuß. Die Früchte sind ganz klein, rund und von dunkelroter Farbe; sie werden gebrannt und liefern Öl. Wenn der Stamm ungefähr eine Höhe von fünfzehn Fuß erreicht hat, breiten sich viele seiner Äste in horizontaler Richtung nach allen Seiten aus, und an ihren untern Teilen sprossen fadenähnliche Wurzeln oder Geflechte hervor, die sich senkrecht zur Erde neigen und bald fest in dem Boden wurzeln. Wenn sie stark geworden sind, treiben sie wie der Hauptstamm dieselben Zweige. Und so geht es immer fort; es ist daher leicht zu begreifen, dass ein einziger Urstamm am Ende einen ganzen Hain bildet, in welchem Tausende von Menschen kühlenden Schatten finden. Den Hindus ist dieser Baum heilig. Sie setzen dem Gotte Rama Altäre darunter, und der Bramine versammelt hier seine Schüler zum Unterrichte.
Der älteste dieser beiden Bäume beschreibt bereits mit seiner Familie einen Umkreis von mehr denn 600 Fuß; der Hauptstamm misst bei 50 Fuß im Umfang.
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