Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
An den botanischen Garten schließt sich das Bischofs-Kollegium an, in welchem die Eingeborenen zu Missionaren ausgebildet werden. Nach dem Palast des Gouverneurs ist dies das schönste Gebäude in Kalkutta. Es besteht aus zwei Mittel- und drei Flügel-Gebäuden in gotischer Bauart. Eine überaus niedliche Kapelle nimmt eines der Mittelgebäude ein. Die Bibliothek, in einem imposanten Saale aufgestellt, ist sehr reich an den besten Autoren; sie steht der wissbegierigen Jugend zur Verfügung, deren Fleiß aber der großartigen Einrichtung nicht zu entsprechen scheint, denn als ich einen Folianten aus einem der Büchergestelle nahm, ließ ich ihn augenblicklich aus den Händen fallen und floh an das andere Ende des Saales - ein Schwarm von Bienen stürzte aus dem Büchergestell auf mich ein.
Speisesäle, Wohnzimmer usw. sind so reich und bequem eingerichtet, dass man meinen sollte, diese Anstalt sei für die Söhne der reichsten englischen Familien bestimmt, die, an Komfort von zartester Jugend gewöhnt, denselben in alle Weltteile zu verpflanzen hätten, aber nicht für 'Arbeiter im Weingarten des Herrn'.
Ich betrachtete diese kostbare Anstalt mit betrübtem Herzen, um so mehr, da sie für Eingeborene errichtet war. Diese müssen hier erst ihre einfache Lebensweise abstreifen und sich in Überfluss und Bequemlichkeit hineinstudieren. Dann sollen sie hinaus in Wildnisse und Wälder, um unter Heiden und Barbaren ihr Lehramt zu beginnen.
Zu den Sehenswürdigkeiten Kalkuttas gehört auch der Garten des Oberrichters, Herrn Lorenz Peel. Er ist für den Botaniker und den Laien gleich interessant und an seltenen Blumen, Pflanzen und Bäumen weit reicher als der botanische Garten. Der großartig und mit wissenschaftlichem Sinn angelegte Park, die üppigen Rasenplätze, von Blumen und Pflanzen durchwebt und umsäumt, die kristallklaren Teiche, die dunklen Laubgänge mit Bosketten und gigantischen Bäumen bilden ein wahrhaftes Paradies, in dessen Mitte der schöne Palast des beneidenswerten Eigentümers steht.
Diesem Parke gegenüber in dem großen Dorfe Alifaughur liegt ein gar bescheidenes Häuschen, aus welchem viel des Guten hervorgeht. Es wird von einem Eingeborenen bewohnt, der die Arzneikunst studiert hat, und enthält eine kleine Apotheke. Arzt und Apotheke stehen den Dorfbewohnern unentgeltlich zur Verfügung. Diese schöne Stiftung rührt von Lady Julia Cameron, der Gattin des gesetzgebenden Mitgliedes des Rates von Indien, Charles Henry Cameron, her.
Ich hatte das Vergnügen, diese Dame kennen zu lernen und fand in ihr in jeder Hinsicht eine der ausgezeichnetsten ihres Geschlechtes. Wo es sich um gute Werke handelt, steht sie gewiss an der Spitze. In den Jahren 1846 und 1847 veranstaltete sie Sammlungen für die von der großen Hungersnot hart heimgesuchten Irländer. Sie schrieb zu diesem Zwecke in die fernsten Provinzen Indiens, forderte jeden Engländer auf, sein Schärflein beizutragen und brachte die bedeutende Summe von 80,000 Rupien zusammen.
Auch im Felde der Wissenschaften leistet Lady Cameron Schönes. Unseres Bürger 'Leonore' fand an ihr eine würdige Übersetzerin.
Außerdem ist sie die zärtlichste Gattin und Mutter, lebt nur für ihre Familie, kümmert sich wenig um die Außenwelt und wird deshalb von der großen Menge ein Original genannt. Gäbe es doch nur viele solche Originale!
Die hier veröffentlichten historischen Texte wurden behutsam überarbeitet, um sie leichter lesbar und webseitengerecht zu gestalten. Die Nutzungs- und Urheberrechte für diese überarbeiteten Texte sind ausdrücklich vorbehalten.
|