Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Ich hatte keinen Empfehlungsbrief an diese liebenswürdige Dame; sie hörte aber zufällig von meinen Reisen und suchte mich auf. Überhaupt fand ich hier wahre Gastfreundschaft, ich wurde in den besten Zirkeln mit Zuvorkommenheit und Herzlichkeit empfangen, und jedermann bemühte sich, mir gefällig zu sein. Unwillkürlich gedachte ich des österreichischen Ministers in Rio de Janeiro, Graf Rehberg, der schon meinte, mich sehr auszuzeichnen, indem er mich zu einem einfachen Male in seine Villa lud. Diese Ehre musste ich entweder mit einem stundenlangen Gange in der glühenden Sonnenhitze oder mit sechs Milreis für den Wagen erkaufen. In Kalkutta ließ man mich stets im Wagen abholen. Noch viel könnte ich von diesem Herrn Grafen erzählen, dessen Benehmen mich fühlen ließ, wie ungeschickt es von mir sei, dass ich nicht einer reichen, aristokratischen Familie entstammte. Anders war der Minister, Herr Cameron, anders der Justizminister, Herr Peel, diese ehrten mich meiner selbst willen, ohne sich um meine Ahnen zu kümmern.
Bei Herrn Peel war während meiner Anwesenheit zu Kalkutta ein großes Fest zur Feier seines Geburtstages.
Auch ich erhielt eine Einladung, die ich der Kleideretikette wegen nicht annehmen wollte. Man ließ diese Entschuldigung aber nicht gelten, und so kam ich mit Lady Cameron im schlichten, farbigen Muselinkleid in eine Gesellschaft, in der alle Damen in Atlas und Samt gekleidet, mit Spitzen und Schmuck überladen waren. Doch schämte sich niemand meiner; im Gegenteil - alle sprachen mit mir und erwiesen mir jede mögliche Ehre.
Eine höchst interessante Spazierfahrt für den Fremden ist die am 'Strand', auch 'Maytown' genannt. Diese Straße wird auf einer Seite von den Ufern des Hugly, auf der andern von schönen Wiesenplätzen begrenzt, an deren entgegengesetztem Ende die großartige Straße Chaudrini liegt. In dieser reihen sich Paläste an Paläste; sie wird als der schönste Teil Kalkuttas betrachtet. Außerdem hat man die Ansicht des Palastes des Gouverneurs, der Kathedrale, des Ochterlony Monumentes, der schönen Wasserbehälter auf den Wiesenplätzen, des Fort William, das ein prachtvolles Fünfeck bildet und bedeutende Außenwerke hat, usw.
Alle Abende vor Sonnenuntergang strömt die schöne Welt Kalkuttas hierher. Der geldstolze Europäer, der aufgeblasene Baboo (Nabob), der entthronte Raja fahren in schönen europäischen Wagen (der Zudrang war oft so stark, dass fünf Reihen von Wagen neben einander auf und abfuhren), gefolgt von vielen Dienern in orientalischer Tracht, die teils hinter dem Wagen stehen, teils neben demselben laufen. Die Rajas und Baboos sind in Gold gestickte Seidenkleider gehüllt, über welche sie die kostbarsten indischen Shawls werfen. Auf den Wiesen galoppieren Damen und Herren auf englischen Rennern, und daneben ziehen Scharen von Eingeborenen, die unter Lachen und Scherzen von der Arbeit heimkehren. Auch auf dem Hugly herrscht reges Leben; die größten Ostindienfahrer liegen vor Anker, werden ausgeladen oder klar gemacht, und viele Boote fahren fortwährend hin und her.
Die hier veröffentlichten historischen Texte wurden behutsam überarbeitet, um sie leichter lesbar und webseitengerecht zu gestalten. Die Nutzungs- und Urheberrechte für diese überarbeiteten Texte sind ausdrücklich vorbehalten.
|