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Inhaltverzeichnis mit Links zu den Seiten und Kapiteln: Historische Texte über Indien.


Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)

Bengalen

Madras und Kalkutta (Fortsetzung)

Man hatte mir gesagt, dass das Volk hier sehr an der Elephantiasis leide, und dass man vielen solchen Unglücklichen mit schrecklich angeschwollenen Füßen begegne. Dem ist aber nicht so. Ich sah hier in fünf Wochen nicht so viele als an einem Tage in Rio de Janeiro.

Einst besuchte ich einen reichen Baboo. Man schätzte das Vermögen der Familie, die aus drei Brüdern bestand, auf 150,000 Pf. Sterl. Der Hausherr empfing mich an dem Tor und geleitete mich in das Empfangszimmer. Er war in ein großes Stück weißen Musselins gehüllt, worüber er einen prächtigen indischen Shawl geworfen hatte, der dem durchsichtigen Musselin zu Hilfe kam und den Körper von den Hüften bis an die Füße anständig bedeckte. Einen Teil des Shawls hatte er recht malerisch über eine der Schultern drapiert.

Der Empfangsaal war nach europäischer Weise eingerichtet. Eine große Spielorgel stand in einer der Ecken, in einer andern ein großer Bücherschrank mit den Werken der vorzüglichsten englischen Dichter und Philosophen. Es schien mir jedoch, dass all diese Bücher mehr zur Schau als zum Gebrauche dienten, denn bei Byrons Werken war ein Teil nach oben, der andere nach unten gekehrt, und Youngs Nachtgedanken steckten dazwischen. Einige Kupferstiche und Gemälde, die nach des guten Baboo Meinung, die Wände zieren sollten, waren weniger wert als die sie umgebenden Rahmen.

Der reiche Mann ließ seine beiden Söhne kommen, hübsche Jungen von sieben und vier Jahren, die er mir vorstellte. Ich fragte, obwohl der Sitte ganz entgegen, nach seiner Frau und seinen Töchtern. Unser armes Geschlecht steht in der Meinung der Hindus so tief, dass eine Frage nach ihm schon einer halben Beleidigung gleicht. Er nahm es jedoch mit mir Europäerin nicht so streng und ließ sogleich seine Mädchen kommen. Das jüngste, ein allerliebstes Kindchen von sechs Monaten, war ziemlich weiß und hatte große, schöne Augen, deren Feuer durch die schwarzblauen, feinen Ränder, die um jene gemalt waren, sehr gesteigert wurde. Die älteste Tochter (9 Jahre alt) hatte ein etwas gemeines, plumpes Gesicht. Der Vater (der Mann sprach ziemlich verständlich die englische Sprache.) stellte sie mir als Braut vor und lud mich zur Hochzeit ein, die in sechs Wochen statt haben sollte. Ich war über diese zeitliche Heirat so sehr erstaunt, dass ich sagte, er werde wohl Verlobung und nicht Hochzeit meinen; er versicherte mir aber, dass das Mädchen dem Manne vermählt und ihm übergeben werde.

Als ich fragte, ob das Mädchen den Bräutigam auch liebe, erfuhr ich, dass beide sich zum ersten Male bei der Hochzeit zu sehen bekämen. Der Baboo erzählte mir weiter, dass sich bei seinem Volke jeder Vater so zeitlich als möglich um einen Schwiegersohn umsehe, da jedes Mädchen heiraten müsse, und zwar je jünger desto ehrenvoller, eine unverheiratete Tochter wäre des Vaters Schande, und man würde ihn für lieblos halten. Hat er einen Schwiegersohn gefunden, so beschreibt er seiner Frau dessen geistige und körperliche Beschaffenheit, die Vermögensumstände usw. Sie muss sich mit dieser Beschreibung begnügen, denn sie bekömmt ihren Schwiegersohn weder als Bräutigam noch als Gemahl ihrer Tochter zu sehen. Er wird nie als zur Familie der Braut gehörend betrachtet, sondern die junge Frau geht in jene des Mannes über. Die männlichen Verwandten ihres Gemahls zu sehen und mit ihnen zu sprechen, ist ihr nicht verwehrt, ebenso wenig darf sie vor der männlichen Dienerschaft im Hause unverschleiert erscheinen; will sie aber ihre Mutter besuchen, so muss sie sich in einem fest verschlossenen Palankin dahin tragen lassen.



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