Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Ich sah auch des Baboo Frau und eine seiner Schwägerinnen. Erstere war 25 Jahre alt und sehr wohlbeleibt, letztere zählte 15 Jahre und hatte eine schlanke, liebliche Gestalt. Die Ursache hiervon ward mir alsbald erklärt. Die Mädchen, obwohl so jung verheiratet, werden selten vor dem 14. Jahr Mutter, und bis dahin behalten sie gewöhnlich ihre schlanke Gestalt. Nach der ersten Geburt bringen sie sechs oder acht Wochen in ihrem Zimmer wie eingeschlossen zu, machen keine Bewegung und essen reichlich von den leckersten Speisen und Naschwerken. Diese Mästung schlägt gewöhnlich gut an. Man muss wissen, dass die Hindus wie die Mohammedaner nur Geschmack an korpulenten Damen finden. Unter dem gemeinen Volke sah ich keine derartige Schönheit.
Die beiden Frauen waren eben nicht sehr dezent gekleidet. Große Stücke Musselin von blauer und weißer Farbe, mit Gold gestickt und mit handbreiten Goldtressen besetzt, hüllten den Körper samt dem Kopf ein. Allein dieses zarte Gewebe (der feinste und kostbarste Musselin wird in der Provinz Dakka erzeugt; die Elle kostet 2 auch 2 1/2 Rupien) war zu ätherisch, und man konnte alle Umrisse des Körpers darunter sehen. Auch fiel der Musselin, wenn sie einen Arm bewegten, so weit auseinander, dass nicht nur der Arm, sondern auch ein Teil der Brust und des Körpers entblößt wurde. Mehr Sorge trugen sie für die Bedeckung des Haares; ihr erstes Bestreben war, stets den Musselin wieder über den Kopf zu ziehen. Solange sie Mädchen sind, dürfen sie ohne Kopfbedeckung gehen.
Sie waren mit Gold, Perlen und Edelsteinen so reich überladen, dass sie wahrlich wie Lasttiere zu tragen hatten. Große Perlen, gemischt mit durchbohrten Edelsteinen, deckten Hals und Brust, dazwischen hingen schwere Goldketten und eingefasste Goldmünzen. Die Ohren, ganz durchstochen, (ich zählte an einer Ohrkante und dem Ohrläppchen 12 Löcher) waren von ähnlichem Schmuck so sehr bedeckt, dass man sie selbst gar nicht herausfinden konnte, man sah nur Gold, Perlen und Edelsteine. An jedem Arm waren acht bis zehn kostbare, schwere Armbänder angebracht, darunter das Hauptstück vier Zoll breit, von massivem Golde mit 6 Reihen kleiner Brillanten. Man gab es mir in die Hand - es wog gewiss ein halbes Pfund. Um die Lenden hatten sie schwere Goldketten dreimal geschlungen. Auch die Knöchel der Füße waren mit Goldspangen und Ketten umfasst, die Füße selbst mit Henna rotbraun gefärbt.
Die Frauen brachten ihre Schmuckkästchen herbei und zeigten mir noch viel andere Kostbarkeiten. Der Hindu muss in Schmuck, in gold- und silbergesticktem Dakkaer Musselin viel verschwenden, da jede reiche Frau die andere darin überbieten will.
Die beiden Frauen waren im höchsten Staate; sie hatten meinen Besuch erwartet und wollten sich mir in voller indischer Pracht zeigen.
Die hier veröffentlichten historischen Texte wurden behutsam überarbeitet, um sie leichter lesbar und webseitengerecht zu gestalten. Die Nutzungs- und Urheberrechte für diese überarbeiteten Texte sind ausdrücklich vorbehalten.
|