Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Der Baboo führte mich auch in die inneren Gemächer, deren Fenster nach dem Hofe zu lagen. Einige Zimmer waren nur mit Teppichen und Polstern belegt, da der Hindu im allgemeinen Stühle und Betten nicht liebt; in anderen standen einige europäische Möbel, wie Tische, Stühle, Schränke, sogar Bettstellen. Mit besonderer Freude wurde mir ein Gläserkasten gezeigt, der Puppen, Wagen, Pferdchen und anderes Spielzeug enthielt, an welchem sich die Kinder und Frauen gar sehr erlustigten; letztere jedoch spielen noch leidenschaftlicher mit Karten.
In die Zimmer, deren Fenster nach der Straße gehen, darf keine Frau treten, denn sie könnte aus den gegenüberliegenden Fenstern von einem Mann erblickt werden. Die jugendliche Braut benützte noch ihre Freiheit: sie hüpfte schnell vor uns hinein ans offene Fenster, um einen Blick auf die belebten Straßen zu werfen.
Die Weiber der reichen Hindus oder der höheren Kasten sind ebenso sehr an ihre Wohnungen gefesselt wie die Chinesinnen. Das einzige Vergnügen, das der strenge Gemahl seiner Gattin von Zeit zu Zeit erlaubt, ist, dass sie sich in einem dicht verschlossenen Palankin zu einer Freundin oder Verwandten begeben darf. Nur während der kurzen Mädchenzeit haben sie ein wenig mehr Freiheit.
Ein Hindu kann mehrere Frauen nehmen; doch sollen davon nur wenige Beispiele vorkommen.
Die Verwandten des Mannes wohnen womöglich in demselben Haus, jede Familie führt jedoch ihren eigenen Haushalt. Die größeren Knaben dürfen mit den Vätern speisen; den Weibern, Töchtern und kleineren Kindern ist es verboten, bei der Mahlzeit der Männer gegenwärtig zu sein.
Beide Geschlechter lieben das Tabakrauchen sehr. Das Gefäß, woraus sie rauchen, ist eine Wasserpfeife und heißt Huka.
Zu Ende des Besuches wartete man mir mit vielen Süßigkeiten, Früchten, Rosinen und dergleichen auf. Die Süßigkeiten bestanden meist aus Zucker, Mandeln und Fett, schmeckten aber nicht sehr gut, da das Fett zu sehr die Oberhand hatte.
Bevor ich das Haus verließ, besah ich noch im unteren Geschoss den Saal, in welchem jährlich einmal der häusliche Gottesdienst, Natsch genannt, abgehalten wird. Dieses Fest, das größte der Hindus, fällt zu Anfang des Monats Oktober und währt 14 Tage. Während dieser Zeit verrichtet der reichste wie der ärmste kein Geschäft, keine Arbeit. Der Herr schließt seine Buden und Magazine, der Diener schafft Stellvertreter, die er gewöhnlich unter den Mohammedanern findet, und Herr und Diener bringen ihre Zeit, wenn auch nicht immer mit Fasten und Beten, so doch gewiss mit Nichtstun dahin.
Der Baboo erzählte mir, dass zu diesem Fest sein Saal reich ausgeschmückt und die zehnarmige Göttin Durga darin aufgestellt werde. Sie ist aus Ton oder Holz geformt, mit den grellsten Farben bemalt, mit Gold oder Silberflitter, mit Blumen und Bändern, ja oft gar mit echtem Schmuck überladen. Im Saal, im Hofe, an der Außenseite des Hauses flimmern zwischen Vasen und Blumengirlanden Hunderte von Lichtern und Lampen. Viele Tiere werden als Opfer dargebracht, jedoch nicht im Angesicht der Göttin, sondern in irgend einem Winkel des Hauses getötet. Priester warten der Göttin auf, und Tänzerinnen entfalten vor ihr unter schallender Musik (Tam-tam) ihre Kunst. Priester und Tänzerinnen werden sehr hoch bezahlt. Der letzteren gibt es, wie in Europa Elslers und Taglionis, die gleich diesen große Summen verdienen. Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich hier eine persische Tänzerin, die keinen Abend für weniger als 500 Rupien auftrat. Schwärme von Besuchern, darunter auch viele Europäer, wandern von Tempel zu Tempel. Die vornehmeren Gäste werden mit Süßigkeiten und Früchten bedient.
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