Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Am letzten Tag des Festes wird die Göttin unter Musik mit größtem Pomp zum Hugly getragen, auf ein Boot gesetzt, in die Mitte des Stromes gefahren und unter Jubel und Geschrei des am Ufer stehenden entzückten Volkes in den Fluss gestürzt. In früheren Zeiten wurde der echte Schmuck mit der Göttin den Fluten übergeben, jedoch Nachts von den Priestern wieder sorgfältig herausgesucht; jetzt ersetzt man am letzten Tage des Festes den echten Schmuck durch einen falschen, oder der Festgeber bringt ihn während der Überfahrt bei Seite. Er muss dies aber mit viel Vorsicht tun, um von dem Volk nicht bemerkt zu werden.
Ein solcher Natsch kömmt oft auf viele tausend Rupien zu stehen und ist eine der bedeutendsten Ausgaben der Reichen und Vornehmen.
Die Hochzeiten sollen ebenfalls große Summen kosten. Die Braminen (Priester) machen Beobachtungen in den Sternen, nach welchen sie den glücklichsten Tag, ja sogar die Stunde berechnen, in welcher die Feier abgehalten werden soll. Gewöhnlich wird die Hochzeit noch im letzten Augenblick um einige Stunden verschoben, da der Priester abermals gerechnet und eine noch glücklichere Stunde herausgefunden hat. Natürlich muss eine solche Entdeckung neuerdings mit Gold aufgewogen werden.
Feste zu Ehren der vierarmigen Göttin Kali finden mehrmals im Jahre statt, und zwar besonders in dem Dorfe Kallighat, nahe bei Kalkutta.
Während meiner Anwesenheit gab es zwei solche Feste. Da sah man beinahe vor jeder Hütte eine Menge kleiner Götzenbilder, die aus Ton geformt, bunt bemalt waren und die schrecklichsten Gestalten vorstellten. Sie waren zum Verkaufe bestimmt. Die Göttin Kali, in Lebensgröße, streckte die Zunge so weit als möglich aus dem weit geöffneten Rachen; sie stand entweder vor oder in den Hütten und war mit Blumenkränzen reich behangen.
Der Kalitempel ist ein erbärmliches Gebäude oder besser gesagt ein finsteres Loch, auf dessen kuppelartigem Dächlein einige Türmchen angebracht sind. Die hier befindliche Statue zeichnete sich besonders durch einen ungeheuren Kopf und eine fürchterlich lange Zunge aus. Ihr Gesicht war hochrot, gelb und himmelblau angestrichen. Ich durfte dies Götterloch nicht betreten, weil ich zum Frauengeschlecht gehörte, welches nicht für würdig erachtet wird, ein so großes Heiligtum wie Kalis Tempel zu besuchen. Ich sah mit den Weibern der Hindus bei der Tür hinein, womit ich mich vollkommen begnügte.
Schauerliche und ergreifende Bilder gewähren die Sterbehäuser und Verbrennungsorte der Hindus. Jene, welche ich sah, liegen an dem Ufer des Hugly, nahe der Stadt, ihnen gegenüber ist der Holzmarkt. Das Sterbehaus war klein und enthielt bloß ein Gemach mit vier nackten Bettstellen. Die Sterbenden werden von ihren Verwandten hierher gebracht und entweder auf eine der Bettstellen, oder wenn diese besetzt sind, auf den Boden, ja im Notfall selbst vor das Häuschen in die glühende Sonnenhitze gelegt.
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