Eine Frauenfahrt um die Welt (Historische Texte über Indien)
Bengalen
Madras und Kalkutta (Fortsetzung)
Ich fand fünf Sterbende in dem Häuschen und zwei außerhalb desselben. Letztere waren ganz in Stroh- und Wolldecken gehüllt, und ich dachte sie seien schon tot; als ich mich aber darnach erkundigte, schlug man die Decken auf, und ich sah die Armen sich noch bewegen. Ich glaube, dass sie unter den Decken halb ersticken müssen. Im Häuschen lag ein steinaltes Mütterchen auf dem Boden, das schwer der letzten Stunde entgegenröchelte. Die vier Bettstellen waren ebenfalls besetzt. Ich bemerkte nicht, dass Mund und Nase der Sterbenden mit Gangesschlamm angestopft waren; dies mag vielleicht in andern Gegenden Sitte sein. Die Verwandten saßen um die Sterbenden herum und erwarteten still und ruhig deren letzten Atemzüge. Auf meine Frage, ob ihnen nichts gereicht werde, antwortete man mir, dass man ihnen, wenn sie nicht gleich sterben, von Zeit zu Zeit einen Schluck Gangeswasser gebe, aber immer weniger und in größeren Zwischenräumen, da sie, einmal hierher gebracht, schlechterdings sterben müssten.
Nach dem Tod, oft wenn sie kaum erkaltet sind, trägt man sie zu dem Verbrennungsort, der von der Fahrstraße durch eine Mauer abgeschieden ist.
Dort sah ich einen Toten und einen Sterbenden liegen, und auf sechs Scheiterhaufen sechs Leichen, die von hochauflodernden Flammen verzehrt wurden. Vögel, größer als Truthühner, hier Philosophen (Hurgila, eine Art Storch, frisst Leichen und ist an Indiens Flüssen häufig zu sehen) genannt, kleine Geier und Raben saßen in großer Menge um die Scheiterhaufen herum, auf nahen Dächern und Bäumen und harrten begierig der halbverbrannten Leichen. Mich schauerte, ich eilte fort und konnte lange nicht den Eindruck dieses Bildes aus meinem Gedächtnis bringen.
Bei Reichen kosten diese Verbrennungen oft über 1000 Rupien, da die teuersten Holzgattungen wie Sandel-, Rosenholz u. a. dazu verwendet werden. Außerdem hat man zu den Zeremonien einen Braminen, Klageweiber und Musik nötig.
Die Gebeine werden nach der Verbrennung gesammelt, in eine Vase gelegt und entweder vergraben oder im Ganges oder sonst einem heiligen Fluss versenkt. Der nächste Verwandte muss den Scheiterhaufen anzünden.
Bei armen Leuten fällt natürlich dies alles weg. Sie verbrennen ihre Toten ganz einfach auf Holz oder Kuhdung, und sind sie so arm, dass sie kein Brennmaterial kaufen können, so befestigen sie an der Leiche einen Stein und werfen sie in den Fluss.
Ich will hier eine kleine Anekdote beifügen, die ich aus dem Munde eines sehr glaubwürdigen Mannes vernahm. Sie mag als Beweis dienen, zu welchen Grausamkeiten oft irrige Religionsbegriffe führen.
Herr N. befand sich einst auf einer Reise unfern des Ganges und hatte nebst einigen Dienern einen Hund bei sich. Plötzlich war dieser verschwunden und kein Rufen konnte ihn herbeilocken. Man fand ihn endlich am Ufer des Ganges an der Seite eines menschlichen Körpers, den er beständig leckte. Herr N. ging hinzu und fand einen zum Sterben ausgesetzten Mann, in welchem noch einige Lebensspur glomm. Er rief seine Leute herbei, ließ dem Armen den Schlamm und Schmutz vom Gesicht waschen, ihn in eine wollene Decke schlagen und pflegen. Nach wenigen Tagen war er vollkommen wiederhergestellt. Als ihn nun aber Herr N. entlassen wollte, bat der Mann flehentlich, dies nicht zu tun, da er seine Kaste verloren habe, von keinem seiner Verwandten mehr anerkannt würde, mit einem Worte, aus dem Leben gestrichen sei. Herr N. behielt ihn in seinen Diensten und der Mann befindet sich noch in bester Gesundheit, obwohl sich diese Geschichte schon vor mehreren Jahren zugetragen hat.
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